Qi Gong

{short description of image}

 

Ein Bild von mir (links) mit Liu Sichuan, einem Daoisten aus China, mit dem ich das Vergnügen der daoistischen Meditation hatte.

 

Die ca. 4000 Jahre zurückreichende Geschichte des Qi Gong als einer Form der chinesischen Gesundheits- und Meditationsübungen ist tief verwurzelt in der medizinischen Tradition Chinas. Bereits im Huangdi Neijing (Des gelben Kaisers Klassiker der Inneren Medizin, ca. 200 Jahre v. u. Z.), einem der bekanntesten Werke der chinesischen Medizin, wird im Sinne eines langen und gesunden Lebens über die Notwendigkeit gesprochen, "durch Ruhe und Konzentration das Chi zu kontrollieren" (zitiert nach der Übersetzung von W. Schmidt). Um das wahre Chi zu erhalten, bedarf es danach dreier Voraussetzungen: erstens einer richtigen Atmung, zweitens ein ruhiges Herz zu bewahren und drittens die inneren Organe in Harmonie zu halten. Auch in anderen Medizinklassikern finden wir Hinweise auf Übungen zur Lebenspflege. So sollen große klimatische Umwälzungen (2000 v. u. Z.) mit Überschwemmungen und wechselnden Temperaturen zur Entwicklung von Übungen geführt haben, die den Körper stärken und in der Auseinandersetzung mit Feuchte-, Hitze- und Kälte-Erkrankungen unterstützen.

"Qi Gong" ist ein seit den fünfziger Jahren gebräuchlicher Sammelbegriff für über 2000 verschiedene Übungsformen und -stile, die eine Verbindung aus Meditation, Atmung und Körperhaltung/-bewegungen beinhalten. Ältere Bezeichnungen sind "Yangsheng" (Techniken zur Lebenspflege) und "Daoyin" (Übungen zum Leiten und Dehnen).
In Europa ist Qi Gong heute vor allem als medizinisch-therapeutisches Übungssystem bekannt. Seine Grundlage ist jedoch eine ganzheitliches Streben nach innerem Wachstum im Sinne eines balancierten Gleichklanges zwischen körperlicher, geistiger (auch charakterlicher) und spiritueller Entwicklung. So finden wir im Qi Gong neben den grundlegenden Säulen Meditation, bewußter Atemführung und Bewegungen mit Aufmerksamkeitslenkung auch Übungen und Formen, die sich allgemein mit der Beziehung von Körper und Geist bzw. Körper und Seele beschäftigen oder speziell vertiefend auf diesen Bereich einwirken sollen. Mögen die seelischen/mentalen Ausdrucksformen je nach Zeit und Epoche eine unterschiedliche Gewichtung erfahren haben, so waren sie als grundlegendes Element in Übungen des Qi Gong fortwährend enthalten.

Die verschiedenen Schulen
Aus der engen Verwobenheit des Qi Gongs mit der philosophischen Entwicklung Chinas resultieren die folgenden großen Schulen, die je nach geistesgeschichtlichem Hintergrund verschiedene Aspekte in den Übungsformen geprägt haben.


Im Mittelpunkt der daoistischen Schule steht, wie der Name schon sagt, das Dao. Im Daoismus wird der Mensch (Mikrokosmos) als Spiegelbild und Teil der Natur (Makrokosmos) betrachtet. Die jeweiligen Erscheinungsformen der Welt, im Chinesischen meist als die 10.000 Wesen bezeichnet, sind unterschiedliche Ausdrucksformen des Universums selbst. Die daoistische Zielsetzung ist es, die universellen Regeln, das Dao zu erkennen und in Übereinstimmung mit den natürlichen Kräften ein langes Leben zu führen. Die daoistischen Übungen zielen auf einen harmonischen Energiefluß zwischen innen und außen, zwischen Organfunktionen, äußeren Faktoren und als inneren Einflüssen den Emotionen ab. Die Naturnähe drückt sich nicht zuletzt in den heute praktizierten Tierformen wie dem Wildgans-Qi Gong oder dem Kranich-Qi Gong aus. In der daoistischen Tradition wurden Übungen nicht nur praktiziert, um die Gesundheit zu stärken, sondern darüber hinaus, um die Energien des Körpers zu verfeinern und dadurch in höhere Ebenen des menschlichen Seins und Wahrnehmens vorzudringen.


Eine konfuzianische Prägung des Qi Gongs geht auf die Gedanken und das Wirken des Kongzi (Konfuzius) zurück, der mit klaren moralischen und sittlichen Prinzipien und Regeln die Schaffung stabiler hierarchischer Gesellschaftsstrukturen anstrebte. Obgleich sich in dem Konfuzius zugeschriebenen Buch "Lun Yu" (Gespräche) keine Hinweise auf körperliche Übungen zur Gesunderhaltung finden lassen, ist ein Einfluß auf das Qi Gong insofern wahrscheinlich, als der Konfuzianismus die chinesische Gesellschaft und Kultur nachhaltig geprägt und gestaltet hat. Im Mittelpunkt der Lehre steht das Maßhalten, die Vermeidung jegliche Extreme. Das Zügeln der Emotionen steht im Vordergrund, ohne jedoch die Emotionen selbst als negativ zu bewerten, so daß wir hier eine direkte Verbindung von Konfuzianismus und Daoismus erkennen können.
Der buddhistische Einfluß auf das Qi Gong entstand über die wechselseitigen Beziehungen zwischen China und Indien. Der nach China vordringende Buddhismus brachte Aspekte des indischen Yoga mit sich, die in Qi Gong-Praktiken einflossen. Dem buddhistischen Mönch Bodhidharma (chin. Da Mo, 6. Jh. u. Z.) wird die Entwicklung von Atem- und Körperübungen (Yijinjing = Übungen zur Muskel- und Sehnenkräftigung, Si Shui Jing = Abhandlung über die Spülung des Marks) zugeschrieben. Sein Ziel war es, die geistige Versenkung (Meditation, chin. Chan) zu fördern. Eine korrekte Atemtechnik und ein guter körperlicher Zustand sollten dazu beitragen, den Geist zu stärken und zu klären. Abwandlungen dieser Übungen sind die vielerorts bekannten Acht Brokate (Baduanjin) und die Zwölf Brokate (Shierduanjin).


Zwischen den chinesischen Kampfkünsten (Gongfu oder Wushu) und Qi Gong gibt es seit jeher wechselseitige Einflüsse. In den buddhistischen Shaolin-Klöstern wurden Meditations- und Atemtechniken mit Übungen der Kampfkunst verbunden und sollten so den Mönchen Schutz vor Angriffen geben. Das Shaolin-Gongfu gilt heute als Ursprung der harten chinesischen Kampfkünste. Die inneren Kampfkünste wie das Taijiquan sind aus einer Verbindung von Übungen zur Gesundheitspflege und Kampftechniken entstanden. Umgekehrt finden sich in zahlreichen Qi Gong-Formen Bewegungen aus dem Wushu. Insbesondere wurde in den Kampfkunsttraditionen das sogenannte äußere Qi Gong entwickelt, das den Körper unempfindlich gegen Gewalt von außen macht.

Das medizinische Qi Gong ist ein eigenständiges Gebiet, das sich gezielt mit der Linderung von Krankheit, Gesundung, Rehabilitation und Prävention beschäftigt. Viele Übungen dienen zur Selbsthilfe der Patienten und sind häufig auf die vorherrschende Krankheit "abgestimmt" (z. B. Herz-Qi Gong, Knochen-Qi Gong). Die Qi Gong-Übungen werden oft mit anderen Verfahren der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wie Kräutertherapie, Massage und Akupunktur kombiniert. So erhalten Schlaganfallpatienten eine Kräutertherapie und praktizieren im genadelten Zustand (Akupunktur) auch Qi Gong-Übungen.

Die Diagnosestellung mit Qi Gong hat ebenfalls eine alte Tradition und wird bereits in der historischen Medizinliteratur beschrieben. So sollen Qi Gong-Heiler die Fähigkeit besitzen, Krankheiten von Patienten zu sehen/zu spüren und zu benennen. Ebenso berichten auch heutzutage bekannte Autoren und LehrerInnen von Qi Gong-Heilern, die in der Lage sind, über ihre auf Patienten gerichtete Chi-Aussendung Krankheiten günstig zu beeinflussen oder zu heilen. Diese Form wird als "Fa Wai Chi" - als das Nach-außen-Senden/Abgeben von Chi - bezeichnet. Diese Heiler arbeiten nicht nur in chinesischen Krankenhäusern und Universitäten für TCM, sondern sind auch in öffentlichen Parkanlagen anzutreffen. Neben Blendern, wie es sie in allen therapeutischen Bereichen gibt, scheinen Untersuchungen solcher Personen tatsächlich über die Norm gehende Energiefähigkeiten zu bestätigen. Hier ist ein neues Forschungsgebiet der TCM entstanden, das sich letztlich mit dem alten Bereich Schamanismus und Geistheilung beschäftigt.

Die unterschiedlichen Erscheinungsformen
Die Fülle der existierenden Qi Gong-Formen erscheint Interessierten häufig als unübersichtliches Angebot, und dieser Eindruck wird durch die Menge an neu erscheinenden Büchern und Filmen noch verstärkt. Doch können die einzelnen Übungsformen und Stile aufgrund ihrer äußeren Erscheinungsform und Wirkrichtung sowie ihres Übungscharakters zumindest grob systematisiert werden.

Das Waigong (äußeres, hartes Qi Gong) ist eher körperbetont. Es beschäftigt sich mit der Ausbildung äußerer Festigkeit durch Zentrierung von Chi an der Körperoberfläche und wird meist in einzelnen Stilen der chinesischen Kampfkünste geübt. Der Name "Eisenhemd Qi Gong" (Tie Bu Shan) einer bekannten Form des Waigong verdeutlicht die trainierten Fertigkeiten. Spektakuläre Beispiele sind das Unverletztbleiben nach dem Schlag mit einem scharfen Schwert, das Überrolltwerden von einem LKW, auf dem 15 Menschen stehen, das Durchbiegen eines Speers, dessen Spitze unterhalb der Kehle aufgesetzt ist, und ähnliches mehr.

Im Gegensatz dazu steht das Neigong (inneres, weiches Qi Gong), das im wesentlichen die ruhigen Übungsformen mit fließenden Bewegungen, entspannter Körperhaltung und innerer Versenkung betont und vornehmlich zur Gesundheitspflege und -erhaltung geübt wird. Dieser Bereich des Qi Gongs ist in Asien und Europa der wesentlich verbreitetere und trifft mit seinem Schwerpunkt Gesundheitspflege offensichtlich das Bedürfnis vieler Menschen. Innerhalb des Neigongs können nach dem äußeren Erscheinungsbild Jinggong und Donggong unterschieden werden.

Unter dem Namen Donggong (bewegtes Qi Gong) werden Übungsformen mit äußerlich sichtbaren Körperbewegungen zusammengefaßt. Sie werden im Sitzen, Stehen oder Gehen praktiziert und bestehen überwiegend aus einem ruhigen, runden Bewegungsfluß, der jedoch von plötzlichen, dynamischen kraftvollen Bewegungen "unterbrochen" sein kann. Bekannte Formen des Donggongs sind etwa das Wildgans Qi Gong (Dayan Qi Gong), das Spiel der fünf Tiere (WuChinxi), die Sechs heilenden Laute (LiuziChijue), Übungen zur Muskel- und Sehnenkräftigung (Yijinjing), die Acht Brokate (Baduanjin), die Zwölf Brokate (Shierduanjin), Qi Gong-Gehen (Xing (Bu) Gong) und Chan Mi Qi Gong.

Eine seit Mitte der achtziger Jahre bekannt gewordene Untergruppe des Donggong bilden Qi Gong-Übungen, bei denen es zu freien, unwillkürlichen Bewegungen kommt. Die bekanntesten Formen dieses Zifagong sind der Fliegende Kranich (Hexiang Zhuang Qi Gong) und eine spezielle Form vom Spiel der fünf Tiere (Zifa WuChinxi). Hierbei folgt auf vorgegebene Bewegungsfolgen eine Phase, in der sich aus der Ruhe heraus spontane, unkontrollierte Körperbewegungen "entäußern", die bis zu tranceartigen Zuständen führen können. In der chinesischen Vorstellung sollen diese Körperäußerungen etwaige Chi-Blockaden lösen und zu einem harmonischen Energiefluß führen.

Das Jinggong (Stilles, ruhiges Qi Gong) umfaßt Übungsformen, die nur mit einer feinen, häufig kaum sichtbaren Körperbewegung im Stehen, Sitzen oder Liegen praktiziert werden und so von außen betrachtet als bewegungslos erscheinen. Dadurch soll die Konzentration auf die innere Bewegung verstärkt und eine bewußte Führung der Aufmerksamkeit erreicht werden. Diese Art der Übung betont vordergründig die Sammlung und Zentrierung, kann jedoch, abhängig von der Intention des Übenden, über die Aufnahme und Abgabe von Energie (Chi) auch weitergehende Aspekte beinhalten. Bekannte Formen des Jinggongs sind die Stehende Säule/Baum (Zhangzhuanggong), der Himmlische Kreislauf (Zhoutian Gong), Übungen zur Stärkung der Mitte (Dantiangong), Übungen zur inneren Pflege und Regulation (Neiyanggong).

Diese Zuordnungen können eine Orientierungshilfe sein, allerdings vereinen viele Formen auch unterschiedliche Aspekte in sich. So gibt es beispielsweise im Wildgans Qi Gong neben den bewegten Formteilen (Donggong) auch Elemente der Ruhe und des In-sich-Versenkens (Jinggong). Weiterhin finden sich in einzelnen Formen des inneren, weichen Qi Gongs (Neigong) mit seinen vornehmlich gesundheitspflegenden Aspekten ebenfalls harte, nach außen gerichtete (Waigong) Elemente, in denen das Chi schützend an der Körperoberfläche konzentriert wird. Die unterschiedlichen Richtungen schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen sich als komplementäre Gegensätze, wie in der Yin/Yang-Symbolik dargestellt.


Mögen die Erscheinungsformen, Wirkrichtungen und Übungscharaktere der einzelnen Qi Gong-Formen auch nach außen hin recht verschiedenartig wirken, so sind sie doch verbunden durch die Arbeit mit den grundlegenden Elementen (meditative Versenkung, bewußte Atemführung und aufmerksame Körperhaltung/-bewegung). Darüber hinaus wird das Qi Gong von vielen Übenden nicht "nur" zur Gesundheitspflege, sondern auch zur geistigen Entwicklung geübt. Die Gewichtung der einzelnen Aspekte im eigenen Üben und im Unterricht ist natürlicherweise sehr stark abhängig vom Erfahrungshorizont und Verständnis sowohl des Schülers beziehungsweise der Schülerin als auch des/der Unterrichtenden. Gerade die Vielfalt von unterschiedlichen Schwerpunkten und im Verständnis gepaart mit den verschiedenen Traditionen, Formen und Stilen bietet ein reichhaltiges Angebot für Interessierte und lädt ein, sich im Qi Gong zu üben und eigene Erfahrungen zu machen.

Zurück zum Inhalt